Anna Maria, die Große von St. Pauls ruft seit dem Jahre 1701 im Namen des Herrn

300 Jahre "Anna Maria", die Große von St. Pauls

Das Geläute von St. Pauls ist das "schönste und berühmteste Südtirols", so der Volksbote Innsbruck vom 27.04.1952.  Das Herzstück dieses Geläutes ist "Anna Maria", die große Glocke. Sie hat einen Durchmesser von 183,5 cm, wiegt 3.860 kg und ist auf den Ton A gestimmt. Zum Anlass der 300-Jahr-Feier wurde versucht, aus historischen Schriften einige wichtige Informationen hier zusammen zutragen.

Zitat aus Atz/Schatz - Dekanat Kaltern, aus dem Jahre 1905:

Am 20. November 1645 wurde durch den Zimmermannmeister Martin Neuhauser von Eppan und den Kupferschmied Georg Gschraffer von Bozen der Turmknopf ausgerichtet, worin sich ein Wettersegen, einige Olivenblätter und ein Agnus Dei befanden. Damit war die Pfarrkirche von St. Pauls im Großen und Ganzen vollendet.

 

Der herrliche Turm sollte sich auch bald eines großartigen Geläutes rühmen können. Anfangs August 1676 wurde die große neugegossene Glocke von 4560 kg durch den Bischof geweiht; im folgenden Jahre die zweitgrößte von 2016 kg ("die Schreierin") von Paolo di Paoli in Trient, wohin man sie auf einem Etschfloße brachte, umgegossen und am 16. Mai 1677 weihte sie der Prälat von Gries. Die große Glocke sprang aber schon 1701. Rasch sollte ein Neuguss erfolgen; hiezu berief man den Meister Georg Graßmayr aus Brixen nach St. Pauls, wo er bis 27. Oktober des nämlichen Jahres die landberühmte Glocke herstellte, welche noch heute ihre prächtigen Klänge über die Gegend hinsendet.

 

Ende Zitat aus Atz/Schatz - Dekanat Kaltern, aus dem Jahre 1905

 

So wurde die große Glocke am 27.10.1701 im Pfarranger von St. Pauls aus dem Material der aus dem Jahre 1676 stammenden Glocke neu gegossen. Im Volksmund wird die Glocke Annamaria genannt, geweiht ist sie "Unserer Lieben Frau und dem Hl. Paulus". Ihre Reliefs zeigen die zwölf Apostel, die vier Evangelisten und andere Heilige wie Maria, Petrus und Paulus, Florian, Sebastian, Martinus usw. Am oberen Rand steht eine lateinische Inschrift über die Herrschaft Christi "CHRISTUS VINCIT, CHRISTUS REGNAT; CHRISTUS IMPERAT", verziert mit einem Ornament aus Putten, im Mittelfeld verewigt sich der Glockengießer mit einem Spruch:

DURCH GROSE

HIZ DES FEIRS

BIN ICH GEFLOSSEN

GEORG GRASMAIR VON

BRIXEN HAT

MICH GEGOSSEN

1701

Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Hymnus auf die hl. Jungfrau:
AVE MARIA VIRGO TOTA PULCHRA ES AMICA MEA ET MACULA NON EST IN TE.

Die Weihe der Großen wurde am 23.11.1701 vom Augustinerprobst Franz Josef Schaitter, Gries, vorgenommen.

Zitat aus dem Südtiroler Hauskalender 2000, Bruno Mahlknecht

Das Gewicht dieser schönen und wohltönenden Glocke ist urkundlich nicht bekannt. Weder hat sich im Paulsner Pfarrarchiv der Vertrag mit dem Glockengießer oder die abschließende Abrechnung mit diesem erhalten, noch ließ sich dieser Vertrag oder die Abrechnung in den Fachbüchern von Eppan-Altenburg, Brixen-Stadtgericht und Brixen-Hofgericht finden. So kursierten verschiedene Angaben über das Gewicht der Glocke, die aber alle nur Vermutung waren und von 3000 bis gar 5000 kg reichten. Erst in jüngster Zeit gelang es, das Gewicht der Glocke festzustellen. Als nämlich 1985 der Glockenstuhlbaumeister Ernst Steiner aus Lana für die drei größten Glocken eine Gegenpendelanlage einbaute, musste er die Glocken abnehmen und wog sie dann. Dabei brachte die Große (ohne Klöppel und Joch) 3860 kg auf die Waage. Sie ist somit laut Bruno Mahlknecht die siebtgrößte Glocke Südtirols.

 

Die anderen Paulsner Glocken

Im Oktober 1916 wurden sieben der acht Glocken abgenommen und dann eingeschmolzen (sie stammten alle aus dem Jahre 1844 und waren von Chiappani in Trient gegossen worden), nur die größte Glocke blieb verschont. Nach dem Krieg wurden die 7 Glocken vom italienischen Staat ersetzt. Sie hatten die gleiche Stimmung wie die abgenommenen Glocken und wurden 1923 in der Glockengießerei Daciano Colbachini in Padua hergestellt.

Aber sie stimmten nicht so recht mit der alten Glocke zusammen, und weil sie auch so ungute Zwangsaufschriften aufwiesen, entschloss sich der aus der Pfarre St. Pauls stammende Geistliche Franz Glotz, damals Religionslehrer in Leobersdorf bei Wiener Neustadt, auf seine Kosten (38.000 Lire) sieben neue Glocken gießen zu lassen und diese der Pfarrkirche zu schenken. Die Staatsglocken wurden abgenommen und nach Innsbruck gebracht, wo dann auch die neuen Glocken gegossen wurden (von der Firma Grassmayr). Das war 1937.

Zitat Ende

 

Im Folgenden die Eckdaten dieser Glocken:

2. im Gedenken an "Maria Himmelfahrt", Dm 152,0 cm, 2.270 kg;

3. dem Hl. "Herzen Jesu" geweiht, Dm 134,5 cm, 1.556 kg;

4. zu Ehren "Maria Verkündigung", Dm 120,5 cm, 1.089 kg;

5. im Gedenken an "Pauli Bekehrung", Dm 111,5 cm, 884 kg;

6. dem "Hl. Josef" geweiht, Dm 89 cm, 637 kg;

7. dem "Hl. Vigilius" geweiht, Dm 89 cm, 448 kg;

8. dem "Friedensfürsten" geweiht, Dm 74 cm, 247 kg;

9. die Totenglocke, Dm 48 cm, 65 kg, gegossen 1735 von Anton Zwelfer - Bozen.

Zitat aus einer Abhandlung von P. Bernhard Frei zur Bedeutung der Glocken im Allgemeinen und zur Läuteordnung von St. Pauls:

Glocken gehören zum kirchlichen Leben einer christlichen Gemeinde. Sie rufen zum Gottesdienst für die zu Hause Gebliebenen (z.B. Wandlungsleuten), sie laden zum privaten bzw. zum Gebet in der Familie ein (z.B. Engel des Herrn), sie drücken Freude oder Trauer aus bzw. Bitte oder Dank, sie setzen besondere religiöse Akzente (Ölbergläuten bzw. Todesstunde Jesu) und gestalten so Tage, Wochen und Kirchenjahr - und sie läuten bei Katastrophenfällen oder zum Wettersegen. Sie läuten aber auch zum Lob Gottes.

 

Aus der Läuteordnung von 1935

In der Sakristei befindet sich ein handgeschriebenes Büchlein mit einer "Läuteordnung". Diese wurde anlässlich der Elektrifizierung des Geläutes am 1. September 1935 vom damaligen Pfarrer Richard Riffeser in Kraft gesetzt und gilt im Wesentlichen bis heute. Die musikalische Disposition wurde anlässlich der Neueinrichtung der Glocken nach dem 1. Weltkrieg vom berühmten Glockenfachmann und Komponisten Peter Griesbacher (Leiter der Regensburger Domschule) vorgeschlagen.

Ich habe noch von älteren Leuten mit einem Leuchten in den Augen erzählen hören, wie die Große früher von vier starken Männern hinaufgeläutet und an Festtagen von zwei besonders geschickten "Turmknechten" oben am Baum sitzend rhythmisch gesteuert vor dem "Überläuten" bewahrt wurde. Das volle Geläute braucht wenigstens 14 Läuter - Turmknechte wurden sie meist genannt. Die 20 Turmknechte in St. Pauls hatten neben der vielen Mühe auch viel Ehre und manche Privilegien, z. B. ein eigenes Weingut, das heute noch "Turmgütl" heißt

Zitat Ende

 

Die in 13 Kapitel eingeteilte Läuteordnung beschreibt die 46 verschiedenen Akkorde, welche für die verschiedenen Feste und liturgischen Anlässe bestimmt sind. Der langjährige Mesner Rudolf Frötscher wacht mit Stolz über diese Läuteordnung und wendet sie fachmännisch an.

 

Quellen: Dr. Weingartner, Atz/Schatz, Pfarrarchiv St. Pauls, Eduard Graf Khuen, Bruno Mahlknecht, P. Bernhard Frei, Sigi Wallnöfer, Anton Weger.

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